Gronau-Hessen-Nassau
Kleine Geschichte(n) - von kleinen Leuten - in einem kleinen Dorf

Weite Reise

Maier Gustl, Aki Kino und Heiße Würstchen

von Hansfried Münchberg, unter erinnerungsstützender Mithilfe von Rainer Hoch

Meine Großmutter litt unter einem fürchterlichen Reisefieber. Damit steckte sie die ganze Familie an und machte uns alle nervös. Selbst eine Reise ins nur 3 km entfernte Bad Vilbel wurde zu einem riesigen Problem und zu einem Tagesausflug mit Reisevorbereitungen wie Brote schmieren, Thermoskanne füllen und dergleichen mehr. So zwei, dreimal im Jahr lies es sich wohl nicht vermeiden  daß wir nach Frankfurt fahren mussten.

 Es war einmal wieder soweit, es ließ sich nicht mehr aufschieben., wir mussten nach Frankfurt. Wir Kinder wurden vorher gebadet, gekämmt, frischer Scheitel gezogen, Klammer in die  Haare, frische Sachen angezogen, die Besten die wir hatten und dann ging es auf zum Gronauer Bahnhof. Dieser bestand damals in der unmittelbaren Nachkriegszeit aus einem festen schönen Sandsteingebäude. Oben über dem Erdgeschoß stand in großem Schriftzug „Gronau H.N.“ Dieses  H.N. stand für Hessen Nassau. Wie es sich für einen Bahnhof gehört, hatte er eine Schalterhalle, einen Wartesaal, eine Gepäck- Abfertigung, sowie ein zweites Gleis für  Güterwaggons, welches als Abschluß Richtung Dorfelden einen  Prellbock hatte.


 Selbstverständlich war ein Bahnhofsvorsteher anwesend, der hinter seinem Schalter sitzend, die Fahrkartenausgabe bediente.Fahrkartenautomaten waren damals noch unbekannt.

Man sprach durch das mit einer Transparentfolie geschlossene Loch in der Glasscheibe, nannte das  gewünschte Fahrziel. Hinter dem Stationsvorsteher stand ein riesiger Schrank, in dem viele vorgedruckte Fahrkarten zu den Fahrzielen der Strecke des Stockheimer-Liesi  und Bahnhöfen in nicht all zu weiter Entfernung deponiert waren, alle gleich groß, manche mit roten Diagonalstreifen, manche mit blauen Längsstreifen. Durch einen Federmechanismus wurden die Fahrkarten nach vorne gegen ein Rähmchen gedrückt, so dass sie immer in einer ordentlichen Frontreihe standen.

 Der Schalterbeamte drehte sich um, entnahm dem Schrank die gewünschte Anzahl der vorgedruckten Fahrkarten, rechnete per Hand die aufgedruckten Fahrpreise zusammen, gegebenenfalls, bei Fernreisen mußte noch eine D-Zug Zuschlagkarte  dazu gelöst werden.Der Schalterbeamte legte die Fahrkarten in einen Drehteller den er, unter der Glasscheibe durch, zu den Fahrgästen hindrehte. Natürlich mußte der Fahrgast vorher den erforderlichen Geldbetrag in die gegenüberliegende Seite des Drehtellers einlegen. Damit war gewährleistet, daß Fahrkarte einerseits und Fahrgeld andererseits jeweils im gleichen Moment den Besitzer wechselten..


Für weiter entfernte Ziele gab es ein Heftchen mit starken Kartonseiten, etwa in Größe eines Quittungsblocks, in die das Fahrziel handschriftlich eingetragen wurde. Rechts neben dem Fahrkartenschrank war eine Stanze auf dem Tisch festgeschraubt. Hier wurden die hellbraunen Fahrkarten eingesteckt und mit einem kräftigen Druck auf die Stanze wurde das aktuelle Datum eingeprägt


 Vor dem Bahnhofsgebäude, an der Seite zu den Gleisen hin, war eine breite steinerne Sitzbank, die bei schönem Wetter angenehm warm war. Dort galt es Platz zu nehmen und die Ankunft des Zuges abzuwarten. Anders als heute, verkehrten in den Nachkriegsjahren die Züge auf die Minute pünktlich.

 


Im Bild links der Wartesaal, Eingang, die Steinbank, Fenster Dienstraum

 Nach einem Fahrplan aus dem Jahre 1957 ging der erste Zug morgens nach Bad Vilbel um 4.43 Uhr, der erste Morgenzug nach Frankfurt Hbf. fuhr um 5.19 Uhr und kam um 5.54Uhr im Frankfurter Hauptbahnhof an. 

Die Reisezeit Gronau - Frankfurt betrug im Durchschnitt 35 Minuten. 
Der Zug schlängelte sich in weitem Bogen von Nordost nach Frankfurt hinein. Vor Ankunft des Zuges sorgte der Bahnhofsvorsteher, rote Mütze auf dem Kopf, roter Gürtel, Fahrdienstkelle in der Hand, dafür, daß die Fahrgäste am Bahnsteig ein Stück zurücktraten. Das befolgten damals ALLE, denn der Bahnhofsvorsteher war eine Amts- und somit eine Respektsperson.

 Wir warteten also auf die Ankunft des „Stockheimer Liesi“. Dieser von einer Dampflokomotive gezogene Zug, meistens aus drei bis vier Wagen sowie einem Gepäckwagen bestehend, die Wagen noch mit offenem Perron, verkehrte in den frühen Morgenstunden zu Arbeitsbeginn und Schulbeginn halbstündlich, danach in der Mittagszeit nur noch stündlich

 Der Zug war eingefahren, wir konnten nun über zwei, drei Trittstufen den offenen Perron erklimmen, von den aus eine Schiebetür in die jeweiligen Waggons führte.  Wir fuhren immer Zweiter Klasse, die sogenannte „Holzklasse“. Die Waggons waren mit spartanischen Holzbänken ausgestattet. Die Wagen warenvon außen kenntlich gemacht durch Metallschildchen in rot für Raucher und weiß für Nichtraucher, wobei der Anteil der Raucher-Abteile die der Nichtraucherabteile bei weitem übertraf.



Unter den Fenstern waren groß dimensionierte Aschenbecher aus Aluminium angebracht, die zum Ende des Tages auch bis zum Deckel gefüllt waren. Oft gerieten diese durch nicht ordentlich ausgedrückte Kippen oder noch glimmende Zigarren-/Stumpenreste in einen Schwelbrand, der austretende Rauch sorgte füe eine zusätzliche, eigentümliche Duftnote.  Durch beherzte Mitreisende konnte mittels Tee oder Kaffee, bzw. Muckefuck aus ohnehin mitgeführten Thermoskannen das Feuer gelöscht werden.

 Waren alle Fahrgäste eingestiegen, gaben Lokführer sowie Zugschaffner dem Bahnhofsvorsteher ein Zeichen, woraufhin dieser kurz in seinem Schalter verschwand. Dort legte er lange Hebel um, zur leichteren Bedienung waren diese mit Gegengewichten bestückt. Diese Hebel bedienten Seilzüge, über die das Signal gestellt wurde. Der Bahnhofsvorsteher gab also mit dem Signal die Fahrt frei. Bevor der Zug nun losfuhr, erschien der Bahnhofsvorsteher noch einmal am Gleis, ein heftiger Pfiff mit der Trillerpfeife, die Kelle wurde angehoben und nun mit der grün eingefärbten Seite dem Lokführer endgültig die Abfahrt freigegeben. Falls der Zug bei Dunkelheit losfahren sollte, hatte der Bahnhofsvorstand eine Taschenlampe mit einer rot eingefärbten Scheibe, die Halt signalisierte, diese wurde verschoben und durch eine grün gefärbte Scheibe ersetzt. Die Taschenlampe mit grüner Scheibe in Richtung Lok hin und hergeschwenkt, der Zug konnte losfahren.

 Der Schaffner fuhr im Zug mit, kontrollierte und knipste die Fahrkarten, achtete auf Ordnung und Sauberkeit. Er hatte im immer mitfahrenden Gepäckwagen ein eigenes Abteil, in das er sich zurückzog, wenn er seine Kontrollgänge erledigt hatte. Im Gepäckwagen war auch eine Abteilung, in der Fahrräder aufgegeben werden konnten, die dem mitfahrenden Fahrgast an dessen Zielbahnhof  ausgehändigt wurden, bzw. in Empfang genommen wurden.

 Da der Zug in den frühen 50er Jahren maximal 25 bis 30 Stundenkilometer fuhr, war es durchaus möglich und üblich, daß wir während der Fahrt immer wieder  einmal durch die Schiebe-Tür nach draußen traten, das war zwar nicht erlaubt, aber gerade deswegen besonders interessant, um auf der Perronplattform stehend das Spiel der Puffer und der Kupplung zu betrachten. Überflüssig zu erwähnen, dass dieses bei meiner Großmutter immer wieder gerne zu Panikattacken führte. Ein Schlauch, zwischen den Waggons mit einer Schlauchkupplung verbunden, leitete den Dampf von einem Waggon zum nächsten, dieser Dampf diente der Beheizung der Waggons. Da die Schlauchkupplungen nie so ganz dicht schlossen, entwich dort immer eine kleine Menge Dampf, welcher durch den Fahrtwind auf den Perron heraufgeweht wurde. Man konnte so dort eine Nase voll „Duft der weiten Welt“ inhalieren.

Bei schönem Wetter wurden die Fensterscheiben weit heruntergelassen. Dazu gab es einen breiten ledernen Gurt, mit dem man die Scheibe hoch- und runter bewegte. In diesen waren Löcher eingestanzt, wie bei einem Gürtel, man konnte die Scheibe so über die Lochung, die in einen Dorn eingehängt wurde in verschiedenen Höhen fixieren.


Blick in einen "Liesi" ähnlichen Waggon, gut zu sehen,  Lederriemen, Aschenbecker, Hutablage, Gepäcknetz

Über den Sitzen waren sogenannte Gepäcknetze installiert, diese gab es in zwei Ebenen. Die untere Ebene war nur schmal, dort wurden Hüte und Mützen während der Fahrt abgelegt. Es war damals eine gute Sitte, in geschlossenen Räumen die Kopfbedeckung abzunehmen. Heute hat es sich mir nicht erschlossen warum gerade junge Männer bei jedem Wetter auch in Lokalen, Wohnzimmern, Fernsehstudios eine überdimensionale  Pudelmütze auf dem Kopf behalten. Der über der Hutablage angebrachte Teil des Gepäcknetzes nahm Koffer, Körbe, Kartons in jeder Größe auf.

 Unvergesslich der Geschmack und Geruch der sich im Waggon sammelte. Es roch nach dem Teer mit dem die Schwellen imprägniert waren, nach dem Kohleruß und dem Dampf der Lokomotive, in dieses Aroma mischte sich auch noch der feine fettige Geruch von verbranntem Öl aus den Lagern der Lokomotive. Dazu kamen natürlich auch noch die Ausdünstungen der Mitreisenden, fast ausschließlich Landbevölkerung, die mal frisch nach Buttermilch, aber auch herb nach Rindviehhaltung oder Runkelrüben rochen.

 Erster Halt von Gronau aus war Bad Vilbel- Hauptbahnhof, dort waren einige Minuten Aufenthalt,, danach ging es weiter nach Bad Vilbel Süd. Über Eschersheim, Bonames und Frankfurt West trafen wir dann endlich im Hauptbahnhof der großen Stadt ein.

 Diese Stadt, um den Bahnhof herum, war in den Jahren nach dem Kriege noch zu großen Teilen zerstört. Was aber schon einmal ungeheuer imponierte waren die riesigen Ausmaße des Frankfurter Bahnhofes. Die drei Hallendächer hatten zwar kriegsbedingt viele fehlende Glasscheiben, alles war zersprungen und zersplittert, alles war, verursacht durch die Dampfloks, fast schwarz vor Ruß.

 Aber wo hätten wir sonst einmal so gewaltige Hallen und Gebäude gesehen. Die Bahnhofsvorhalle, damals hauptsächlich Schalterhalle hatte Ausmaße, man meinte, man hätte den Kern unseres Dorfes darin unterbringen können. Und dann die vielen Menschen, die da durcheinander wuselten. Bepackt mit riesigen Koffern, aber oft auch als Kofferersatz mit Margarine- oder Persilkartons, Netzen (damals gab es noch keine Plastiktüten), und Körben, wirbelten diese durcheinander, kauften Fahrkarten, nahmen dem Zeitungsverkäufer noch schnell die Nachtausgabe ab oder riefen nach dem Dienstmann. Damals waren auf jedem Bahnsteig dienstbare Geister anzutreffen, sobald ein Zug einlief. Diese waren mit Lederschürze und einer besonders geformten runden Mütze, mit einem „Dienstmann-Messingschild, kenntlich gemacht. Gegen geringes Entgelt wuchteten sie die Koffer auf großrädrige Wagen, die sie vor sich her schoben und brachten diese zum gewünschten Ziel.

 Von der Stadt Frankfurt ist mir damals nicht viel in Erinnerung geblieben, außer daß wir einmal auf der „Zeil“ einkaufen waren. Was aber nachhaltig in mein Gedächtnis eingegraben ist, die Besuche beim „Maier Gustl – Oberbayern“ in der Münchener Straße. Dies war eine, für damalige Verhältnisse, riesige bayerische Bierwirtschaft mit geschätzt mehr als 200 Plätzen. Die Wände waren nach Art der bayerischen Lüftl - Malerei großflächig bunt bemalt, mit Menschen in Lederhosen und Dirndln, beim Watschn-Tanz oder ähnlichen Belustigungen. Gescheuerte Holztische, wie es sich für eine bayerische Wirtschaft gehört, standen in langen Reihen,  eine Kapelle aus zwei bis drei Mann spielte alpenländische Musik auf Zither, Akkordeon, Tuba usw. Das Bier wurde in Halbliter-Krügen serviert. Zwischen den Tischen liefen in Dirndl gekleidete Verkäuferinnen herum, die aus großen Körben Brezeln und Semmeln verkauften. Beliebte Speise war ein „Obazda“, ein mit Kümmel und Paprika angemachter Käse. Verkäufer mit sogenanntem Bauchladen boten Zigaretten und Zigarren feil. Ich meine mich erinnern zu können, daß an einer Stirnwand des Lokals eine Modelleisenbahn in einer Gebirgskulisse hin und her fuhr, für uns Kinder natürlich eine besondere Attraktion.

 Einen weiteren bleibenden Eindruck hat das Aki-Kino im Hauptbahnhof hinterlassen. Eine Kette von Lichtspielhäusern, die damals in vielen Bahnhöfen größerer Städte etabliert war. Dort konnte man für wenige Pfennige die Wartezeit auf den Zug überbrücken. Für einen nur einmal zu entrichtenden Eintrittspreis konnte man dort beliebig lange sitzen und sich die Filme anschauen. Das Programm startete mit der „Fox – tönende Wochenschau“, die Berichte von Ereignissen aus aller Welt brachte, alsdann ein Vorfilm, oft waren das kurze Cowboy-Filme und Zeichentrickfilme wie Popeye  oder Micky-Maus. Es wurden auch Dokumentar-Filme gezeigt, aus der Wüste, aus Amerika, ich erinnere mich an einen Film vom Ausbruch des Äthna, mit vordrängender Lava, die einige Häuser zerstörte. Es gab für das Kino keine Anfangszeiten, die Filme liefen endlos immer wieder, so daß man zu jeder Zeit eintreten und auch wieder herausgehen konnte. Anfang der 70er Jahre kamen die Aki-Kinos in Verruf, da sie sich in die ersten Porno-Kinos der Republik verwandelten.

 Ein besonderes Erlebnis war auch das Eintauchen in die „Unterwelt“ des Frankfurter Bahnhofs. Die Züge führten damals Gepäckwagen mit sich. Während des Aufenthaltes wurden größere Mengen an Paketen, Koffern usw. von Bahnbediensteten ein- und ausgeladen. Diese wurden transportiert mit elektrisch angetriebenen Karren, der Fahrer stand auf einer kleinen Plattform an der Stirnseite des Karren und lenkte diesen mit Hebeln die links und rechts angebracht waren. Um von einem Bahnsteig zum nächsten zu gelangen, gab es große Lastenaufzüge, in welche die Gepäckkarren hinein gefahren wurden. Unter den Gleisen hindurch gab es einen quer zu den Bahnsteigen verlaufenden Tunnel, der für diese Gepäcktransporte genutzt wurde. Dieser Tunnel durfte natürlich von den Reisenden nicht betreten werden. Da mein Opa allerdings Bahnbediensteter war, gelang es ihm, uns einmal in diese Unterwelt mitzunehmen. Ein geschäftiges Treiben unter Tage war da zugange. Die Karren fuhren fast lautlos hin und her. Alles musste immer ganz schnell gehen, da die Anschlusszüge noch beladen werden mussten. An die Fernzüge angehängt war immer auch ein Postwagen, hier wurden Briefe in großen Postsäcken eiligst eingeladen. Es fuhren immer Postbedienstete mit, die während der Fahrt schon die eingeladenen Briefe sortierten, damit diese unterwegs in den entsprechenden Städte schon weder ausgeladen werden konnten. An den Wagen befand sich auch ein Briefeinwurf-Schlitz, wo man besonders eilige Post gleich in den richtigen Zug einwerfen konnte.

Ein weiterer wichtiger Anlaufpunkt im Bahnhof war der Wartesaal. Es gab diese auch nach Erster- und Zweiter Klasse getrennt.  Diese wurden bewirtschaftete. Es gab Speisen für eilige Reisende, Erbsensuppe, Bratkartoffeln mit Spiegelei, Bockwurst waren gefragte Verpflegung weil schnell fertig und ohne große Wartezeit verfügbar. Gegen Zugluft waren die Türen des Wartesaal mit dicken, braunen Stoffvorhängen abgedichtet, die an einem halbrund gebogenen Rohr um die Tür herumgeführt waren. Gegen zu schnelle Abnutzung waren diese Vorhänge an den Kanten in Griffhöhe mit aufgenähten Lederstreifen verstärkt. Ein besonders intensiver Geruchsteppich umgab diese Vorhänge. Darin gespeichert war der Geruch von Linsensuppe ebenso, wie der Dampf unzähliger Zigarren und Zigaretten, denn selbstverständlich wurde heftigst gequalmt.

 In der Bahnhofshalle stand noch etwas, das uns Kinder magisch anzog, aber auch für Erwachsene durchaus von großem Interesse war. Eine als Säule ausgestaltete Personenwaage war dort aufgestellt, zu einer Zeit, als die wenigsten Haushalte über ein solches Gerät verfügten. Gegen Einwurf von fünf, später zehn Pfennig konnte man die Waage besteigen. In einem Fenster rotierte eine mit einer Spirale in rot und blau bemalte Scheibe, kam diese zum Stillstand, war die Waage bereit, auf Hebeldruck, ein Wiegekärtchen auszuwerfen, auf dem man sein Gewicht ablesen konnte.

 Auf dem Weg zum Bahnsteig musste man zunächst die Fahrkartenkontrolle passieren. Die Bahnsteige hatten eine Sperre, dort saß in einem Glashäuschen ein Bahnbediensteter, der den Zugang streng kontrollierte. Man konnte den Bahnsteig nur mit gültiger Fahrkarte, oder aber mit einer extra zu kaufenden Bahnsteigkarte betreten. Noch war der Zug nicht erreicht, da hing, praktischer Weise, immer an irgendeinem Pfosten angebracht, ein Automat, an dem man Saure Drops, „Vivil“ oder „PezBox“ ziehen konnte. Es gelang uns fast immer, Opa oder Oma davon zu überzeugen, dass man ohne dieses Reiseproviant Gronau nicht mehr lebend erreichen würde.

 Eine weitere Verlockung lag dann noch auf dem Weg, wenn sich das Stockheimer Liesi in Bewegung gesetzt hatte. Aber erst kam natürlich der Schaffner vorbei, der die Fahrkarten gründlich kontrollierte und mit seiner Zange Löcher hinein stanzte. Erster Halt nach Ffm Hbf war Frankfurt Westbahnhof. Natürlich wurden, dort angekommen, die Fensterscheiben heruntergelassen um ausgiebig das Treiben auf dem Bahnsteig zu beobachten. Dort fuhr ein Mann mit einem großen Karren auf und ab, der alle möglichen Köstlichkeiten zum Verzehr anbot, darunter heiße Würstchen, auf einem Pappteller serviert, mit einem großen Klecks Senf und einem Brötchen, die wir natürlich nur zu gerne probiert hätten. Leider waren meine Großeltern arme Leute, ich kann mich nicht erinnern, ob es gelungen ist, sie von der Notwendigkeit eines solchen Imbisses zu überzeugen.

 Aber auch so war allein schon eine solche Fahrt in die große Stadt ein nachhaltiges Erlebnis.