Gronau-Hessen-Nassau
Kleine Geschichte(n) - von kleinen Leuten - in einem kleinen Dorf

Reisen bildet

E pericoloso sporgersi , Reisen bildet …

 von Hansfried Münchberg, mit erinnerungstechnischer Unterstützung durch Rainer Hoch

„Reisen bildet“ , diese Weisheit formulierte schon Goethe  in "Wilhelm Meisters Lehrjahre", indem er schrieb:  "Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.

 In meinem ganz speziellen Fall will ich hier von frühkindlicher fremdsprachiger Bildung berichten. Ich war noch ein Dreikäsehoch. Lesen lernte ich ganz nebenbei, weil mein zwei Jahre älterer Onkel Rainer dieses gerade in der ersten Klasse Volksschule tat und ich nachmittags, beim Üben daneben saß  und die Grundlagen so ganz nebenbei spielerisch mitbekam.

Natürlich war zunächst Lesen in der deutschen Sprache vorgesehen, jedoch ließen wir uns es nicht nehmen, bei unseren Ausflügen mit der Bahn auch schon Fremdsprachenkenntnisse zu erwerben. So ging uns „e pericoloso sporgersi“ schon ziemlich flüssig von der Zunge, ebenso wie „Ne pas se pencher en dehors“, „It is dangerous to lean out “ war uns so geläufig wie „Durante le fermate nelle stazioni e`vietato servirsi dalla ritirata.


Wir hatten die faszinierende Welt der Beschilderung der Bahnwaggons mit zahlreichen Ge- und Verboten in mehreren Sprachen als Quelle immer neuer Inspiration für uns entdeckt.


Natürlich mangelte es noch an flüssiger oder gar richtiger Aussprache, aber mühsam zusammenbuchstabiert bekamen wir es schon ganz gut hin. „Aqua non potabile“ prangte es an den Schildern auf der Zugtoilette; Oder  „L`USAGE DU CABINET EST INTERDIT PENDANT L`ARRET DU TRAIN EN BARE“, aber das war uns dann doch zu zungenbrecherisch:


Weitere Quellen der Inspiration war der Hinweis „Notbremse – Griff nur bei Gefahr ziehen ! – Jeder Missbrauch wird bestraft. Wir malten uns aus, was wohl passieren würde, würde man an diesem Griff ziehen. Fast schon schien er uns magisch anzuziehen, unsere Händchen wanderten immer wieder in Richtung dieses einladend geformten Griffes. Lediglich die Tatsache, dass er sehr weit oben angebracht war und unsere kurzen Ärmchen nicht soweit hinaufreichten, bewahrte uns davor, Erkenntnis darüber zu gewinnen, wie die Bestrafung bei einer missbräuchlichen Benutzung ausfallen würde. 

Aus dieser frühkindlichen Erfahrung resultiert meine noch heute vorhandene Neugier auf Beschilderungen in Zügen und Bahnhöfen.

 Natürlich waren wir so gut erzogen, dass wir niemals auf die Idee gekommen wären, mit den Füßen auf den Sitz zu steigen, dann wären wir vielleicht dran gekommen …. Aber vorstellen wird man es sich ja noch

 Es gab aber auch allerhand zu sehen. Natürlich „Es ist verboten, auf den Boden zu spucken!“, „Keine Gegenstände aus dem Fenster werfen“, „Der Aufenthalt auf dem Perron ist während der Fahr nur bei geschlossenem Gitter gestattet“, „Sicherungskette vorlegen“, ein weites Universum an Anregungen für uns Lausbuben tat sich da auf.

 






Es gab die Kennzeichnung für Raucher und Nichtraucher Abteile

 

Gesonderte Plätze waren für Schwerbeschädigte reserviert. Damals, in Folge des Krieges gab es sehr viele Kriegsversehrte. Auf Verlangen musste diesen der  gekennzeichnete Platz freigeräumt werden.

Auch auf besondere Örtlichkeiten wurde auf den Bahnhöfen hingewiesen. Da damals noch keine Handys erfunden waren, wurden die öffentlichen Telefonzellen durch gesonderte Hinweisschilder schon von weitem kenntlich gemacht, ebenso wie der Weg zu den Toiletten gewiesen wurde


 


Wer etwas fürs Leben lernen wollte, dem boten sich an den Bahnhöfen reichlich Gelegenheiten, sozusagen im Vorübergehen oder Vorbeifahren Produktktinformationen jeglicher Art aufzunehmen.

Schon aus größerer Entfernung sichtbar waren da die auf hohen Stelzen laufenden „Schornsteinfeger“, das Markensymbol der Schuhcreme „Nigrin“, mit Ihrer Schornsteinfeger – Tracht, eine schwarze Leiter geschultert, fielen diese selbst in dichtem Gedränge noch auf. Alltägliche Erscheinung auf und um Bahnhöfe herum war der sogenannte „Sandwichmann“. Vor der Brust und auf dem Rücken war ein mit Pappe verstärktes Werbeplakat ungehängt. Damit liefen diese lebenden Litfass-Säulen durch die Gegend und machten Reklame zum Beispiel für Henkel – Kleister, für in der Nähe befindliche Restaurants, aber auch für politische Parteien.

Aber auch die Plakatierung an Bahnhöfen eröffnete ein weites Feld.


  
 

Auf den Bahnsteigen gegenüber standen oft Bänke, deren Rückenlehne mit einer großflächigen Werbetafel nach oben hin verlängert war. Komischerweise ist mir hauptsachlich Werbung für Handarbeitssachen in Erinnerung geblieben. Die Firmen „Schachenmayr“ und „Schöller“ und „Gebrasa“ warben auf fast jedem Bahnhof für ihre Wolle, „Gütermanns Nähseide“ war genau so präsent wir „Prym-Nähnadeln“.

 Natürlich gab es auch Werbung für Genussmittel, so zum Beispiel ein Emaille-Schild mit dem schönen Spruch „Aus gutem Grund ist Juno rund“, ein anderes warb für edle Orient-Zigaretten aus dem Hause Neuerburg – Privat. „Die guten Welt – Hölzer“ hätten uns fast auf die Idee bringen können, einmal zu zündeln, kostete die Schachtel des Zündwaren-Monopols damals doch gerade einmal 5 Pfennige.

Für Kinder nahezu traumhaft „Kaba – Der Plantagentrank“ , Leibnitz – Kekse, Katzenzungen oder Schokolade vom „Sarotti-Mohr“. Damals durfte man noch ungestraft Mohr sagen und diesen auch mit wulstigen Lippen, rollenden großen Augen und einem überdimensionierten Turban darstellen. Waldbaur Chocolade hörte sich schon etwas exotisch an, für den Alltag wurden Maggi – Speisen und Gewürze angepriesen.

 Für die Schuhpflege wurde, außer von "Nigrin" auch noch gewoben mit dem roten Erdal – Frosch, für weiße Zähne warb der „Blendax-Max“, kurzum, die bunten Schilder boten die ganze damalige Welt, man musste nur hinschauen und den Gedanken freien Lauf lassen !

 Goethe hatte recht – „Reisen bildet“