Gronau-Hessen-Nassau
Kleine Geschichte(n) - von kleinen Leuten - in einem kleinen Dorf

Erster Weltkrieg 1917

Gronau – im Kriegsjahr 1917

Inzwischen sind bei den  Gronauer Landwirten einige Kinder aus Witten,  einer Stadt im notleidenden Ruhrgebiet zur Erholung untergebracht. Das Heimweh setzte sehr bald ein. Schon nach drei Tagen kam die Mutter eines der Kinder und nahm es mit nach Hause wegen Heimweh. Man hofft, daß es mit den Anderen besser gehen möge.

Viele Gronauer klagen über den langen Winter. Spät erst kommt der Frühling, dann aber mit Macht.

Der Chronist schreibt: „ Das schöne Frühlingswetter hat das Grün aus der Erde hervorgezaubert. Eine herrliche Baumblüte durften wir sehen, was nun Hoffnung auf eine gute  Ernte gibt. Freilich sind es noch ein paar schlimme Wochen die wir auszuhalten haben. Durch den harten Winter ist auch alles Gemüse erfroren und durch die Länge der Kälte konnte frühzeitig nichts ausgestellt werden.

Die Städter kommen in Scharen um Lebensmittel einzukaufen. Aber auf dem Land ist auch nicht mehr viel da.

Pfingsten war die Mutter eines Wittener Kindes da und hat das Kind mitgenommen, angeblich weil es so viel arbeiten musste, was aber seitens der Bauern bestritten wurde.

 

Große Dürre bedroht die Ernte

Der Mai war sehr warmverbunden mit viel Wind und hat eine große Dürre gezeitigt, die Erde lechzt nach Regen. Das Feld hat ihn bitter nötig. Jetzt kann man auch etwas über die den Stand der Früchte sagen. Winter-Frucht ist wenig geblieben, Korn mehr als Weizen. Die Früchte  stehen dünn. Die Sommerfrucht steht gut, doch braucht sie Regen. Auch die Kartoffeln versprechen eine gute Ernte.

Durch Gewitter ist Ende Mai auch der ersehnte Regen angekommen. Eine zeitlang sind die regenspendenden Gewitter um Gronau herumgezogen, doch dannkam endlich auch der Regen ins Dorf. Der hat gut getan und erfrischt, dazu hat es schön langsam und innig geregnet ohne zu gießen….

 

Der Krieg „frisst“ die neue Glocke

Ein wichtiges Ereignis, vor zwei Jahren, im Juli 1915 war das Aufziehen und Aufhängen der neuen Glocke. Das wichtigste Ereignis des Monats Juni 1917 ihre Herabnahme. Die Glocke war schon seit längerer Zeit beschlagnahmt und musste nun bis zum 30. Juni abgeliefert sein.

Alle Bemühungen, die neue große Glocke der Gemeinde zu erhalten, waren vergeblich und wurde am 24. Juni  im Abendgottesdienst  der Abschied von der Großen Glocke gefeiert.

Es standen manchen die Tränen in den Augen. Die scheidende Glockel äutete dann, nach Schluss des Gottesdienstes, mit der bleibenden kleinen Glocke zusammen eine Viertelstunde und dann zehn Minuten ganz alleine.

Am anderen Tag, den25. Juni wurde sie durch Zimmermann Schmidt unter Hilfe einiger Gemeindemitglieder abgenommen.



Inzwischen sind im Juni wieder zwei Kinder  aus Witten hier abgeholt worden, nur noch fünf der Wittener Kinder sind  jetzt in Gronau.

Die Wittener Kriegskinder sind am 15. August offiziell abgeholt worden. Es bleiben  4 Knaben noch zurück 2 auf dem Dottenfelder Hof, und 2 im Dorf selbst. Im Allgemeinen kann man sagen, dass die Leute froh sind, die Last los zu sein und es wird sich so schnell niemand dazu verstehen, noch einmal  Kinder zu nehmen.
 

Auch im Monat Juni ist wieder die Trockenheit sehr groß. Es ist furchtbar wenn es auch mal tüchtig geregnet hat, was allerdings selten vorgekommen ist, so ist es doch gleich wieder trocken.

Die Getreideernte hat gut geklappt, nun noch Weizen und Hafer sind einzubringen. Im allgemeinen ist das Urteil: Gute Körnerernte (wenn auch nicht so reichlich).

  

Die Hamsterer kommen

 Mit dem Ausmachen der Frühkartoffeln, die trotz anhaltender Dürre im ganzen gut geraten sind  (Qualität sehr gut, Quantität weniger gut) , hat sich eine Flut von Städtern und Einwohnern der Industriegemeinden Bergen, Enkhein, Fechenheim aufs Land ergossen. Zunächst und am ersten wurde in der  Nachbargemeinde Rendel Frühkartoffeln geholt. Da war der Andrang der Hamstere so groß daß die Landleute nicht mehr Herr über ihr Eigentum waren. Dasselbe hat sich dann auch in Gronau gezeigt. Wo sich jemand auf dem Feld beim Kartoffel ausmachen blicken ließ, da wird der umlagert und mitunter zu der Abgabe von Kartoffeln gezwungen, obwohl für unseren Kreis ein Verkaufs-Verbot besteht. Das Schlimmste aber bei der Sache ist, daß  die Hamsterer nicht nur käuflich erwerben, sondern auch viele stehlen. Die Kartoffeläcker ( selbst späte Sorten) werden verwüstet durch Herausreißen der Stöcke, die Obstbäume werden geplündert, es ist so arg, das für wirksamen Feldschutz eine ganze Reihe Ehren-Feldschützen eingestellt werden mussten, aber auch das hilft wenig. Zu jeder Tages- um Nachtzeit sind die Hamsterer am Werk; was dadurch an der Allgemeinheit verloren geht lässt sich gar nicht ermessen. In der Nachbargemeinde musste Militär aufgeboten werden, um den Unfug zu steuern. Es sind wohl scharfe Bestimmungen erlassen, aber sie fruchten wenig.

Bauern als „Profiteure“

Natürlich gibt es auch  Bauern, die die Not der Städter ausnutzen, um sich zu bereichern,  so sollen die Früh- Kartoffeln trotz Festsetzung des Höchstpreises mit 30 Mark pro Tonne verkauft worden sein.

Der Gronauer Bahnhof ist umlagert

Der sonst stille und friedliche Bahnhof in Gronau ist jetzt ständig belagert von den Hamsterern. Züge sind so besetzt, daß selbst in der zweiten Klasse oft kein Platz zu finden ist. Wenn es hier in Gronau nicht bald besser wird mit diesem Unfug, wird schließlich auch nichts anderes übrig bleiben als Militär aufzubieten. Das Auftreten der meisten Hamsterer ist  frech und unverschämt. Werden sie abgewiesen, so regnet es Schimpfworte, ja Drohungen. Um der unglaublichen Hamsterei ein Ende zu machen, sind auch hier  vorübergehend Soldaten eingezogen, die den Hamsterern die Kartoffeln  abnehmen. Natürlich kam es dabei zu erregten Auseinandersetzungen. Die Hamsterei aber hat ganz aufgehört.

Der Chronist schreibt: „Wie wenig erzieherisch und bessernd hat doch der Krieg gewirkt. Die inneren Wirren in Deutschland - Wechsel im Reichskanzleramt etc.-  sind in der arbeitsreichen Zeit wenig beachtet worden von Seiten der Landbevölkerung.

Ein klein wenig  Hoffnung hat die deutsche Gegenoffensive gegen Russland mit ihren Erfolgen gegen Russland gemacht. So ist das Ende des 3. Kriegsjahres gekommen und noch immer ist wenig oder keine Aussicht auf ein Ende des Krieges da. Es wird immer schwerer, der ländlichen Bevölkerung Mut einzusprechen und ihr Hoffnung zu machen, es liegt über beinahe allen wie ein dumpfer Druck und eine böse Gleichgültigkeit hat in vielen Herzen Einzug gehalten. Gott helfe, sonst kann`s schlimm werden“.

Schlechte Getreideernte

Die Getreideernte ist nun geborgen. Regnerisches Wetter hat die Einbringung der Ernte verzögert, ja, es hat das Getreide unter der anhaltenden Feuchtigkeit gelitten. Besonders der Hafer ist viel ausgewachsen. Infolge der Frühdreschprämie hat das Dreschen bereits begonnen. Dabei hat sich gezeigt, dass kaum eine halbe Ernte hier eingebracht worden ist. Deshalb wird auch allgemein die Heraufsetzung der Brotrationen, ehe festgestellt war, was die neue Ernte brachte, für ein Fehler gehalten

Der Ausspruch eines besonnenen Gronauers bezüglich des Erntertrages war: ich habe in diesem Jahr nicht soviel Zentner geerntet als im vorigen Jahr Malter.

  

Gute Kartoffel- und Obst-Ernte 1917

Gut, ja sehr gut ist, soweit man es bereits beurteilen kann, die Kartoffelernte.

 Der ganze September hat sich durch herrliches Wetter ausgezeichnet. Die Obsternte war gut. Für Zwetschgen wurden pro Zentner  20 bis 25 Mark gezahlt. Für Äpfel der gebräuchlichen Sorten gepflückt, 20 Mark Die guten Sorten pro Zentner 30 bis 40 Mark. Das sind gewaltige Preise, aber in Anbetracht der sonstigen Teuerung nicht einmal so furchtbar hoch, denn auch in Friedenszeiten wurde für Tafelobst 30 Mark pro Zentner  gezahlt. 

Die Obsternte ist in diesem Jahr wenigstens 14 Tage früher gekommen als sonst. Die warme Witterung hat das Obst früher gezeitigt. Dasselbe gilt für die Kartoffeln. Es war eine erstklassige Ernte zu verzeichnen, und das ist gut in Hinsicht auf die schlechte Fruchternte.

Erneut Hamstereien

Das Hamsterunwesen hat sich, nachdem das Militär wieder abgerückt war, wieder zu höchster Blüte entfaltet. Obst und Kartoffeln werden noch immer, trotz aller Verbote, zu 100 M. den Zentner aus dem Dorf weggeschleppt.

Die Herbstferien sollen ausfallen

Große Entrüstung hat bei den Leuten die Verordnung des Oberpräsidenten des Kreises Hess.-Nass. hervorgerufen, wonach die Herbstferien ausfallen sollen.. Die Herbstferien werden darin mit den Weihnachtsferien vereinigt. Der Grund dieser Maßnahme ist Kohleersparnis. Die Anordnung ist für das Land, wo die Kinder bei der Kartoffelernte gebraucht werden, völlig unverständlich.

Da nach einem Militärerlass weitgehend Urlaub zu Erntearbeiten gegeben werden soll, so ist doch natürlich an einen geregelten Schulbetrieb nicht zu denken.

Die Herbstferien hatten hier bereits am 17. Sept. ihren Anfang genommen, mussten aber auf besondere Verfügung des Kreisschulinspektors wieder ausgesetzt werden, so daß am Samstag den 22. Sept. mit dem Unterricht wieder begonnen wurde.

Die bessere Einsicht hat doch noch gesiegt. Wenigstens für das Land sind die Herbstferien doch noch genehmigt worden.

Leider ist das gute Wetter zur Kartoffelernte dann schnell umgeschlagen. So dass die Dickwurz- Ernte sowie die neue Aussaat und Feldbearbeitung unter ziemlich schwierigen Verhältnissen vonstatten gehen musste.

Große Sorgen macht die Kohlenfrage. Wenn nun auch Kohlenkarten in Aussicht gestellt wurden, so bedeutet das noch lange nicht, dass die  Kohlen auch ankommen werden. 

Ein weiterer Gefallener Gronauer Soldat

Auf tragische Weise ist ein im Felde stehendes Glied unserer Gemeinde den Heldentod gestorben. Karl Moor Vizewachtmeister beim 56.  Res. Feldart. Regiment. Er lag schon länger Zeit in Rumänien. In seiner Batteriestellung hatte er sich abends im Zelt zur Ruhe niedergelegt; da traf ihn ein verirrtes feindliches Infanteriegeschoss direkt ins Herz, So dass er ohne zu erwachen vom Leben zum Tode kam. Die Angehörigen sind tief betrübt, denn er war der Stolz der Familie, ein kluger, begabter, tüchtiger Mensch, der als Magistrats- Beamter in Frankfurt am Main bei Vorgesetzten und Kollegen gut gelitten war. Er ist mit militärischen Ehren auf einem bulgarischen Friedhof am Tage nach seinem Tode, am 24. September beerdigt worden.

 

Der Chronist berichtet vom Fortgang des Krieges: „Unser Mut ist nun neu gestärkt worden, durch die Offensive gegen Italien. Auch das Durcheinander in Russland gibt einige Hoffnung auf baldigen Frieden. Furchtbar aber sind die Kämpfe im Westen.“



abgeschossenes Flugzeug der französischen Luftwaffe 1917

Auf Veranlassung des Landratsamts sind Brennstoff-Verteilungs- Kommissare in den einzelnen Dörfern. In Gronau gehört der Ortsgeistliche auch dazu. Am 15.10. wurde zum ersten Mal ein Waggon Kohlen verteilt. Es wurden diejenigen bedacht, die nichts oder ganz wenig hatten.

So konnten sieben Zentner pro Oktober und November gegeben werden. Nun wird es sich zeigen, ob die Kohlenverteilung geregelt ist, denn dann müssten Ende November spätestens wieder Kohlen eintreffen.

 Eine weitere traurige Nachricht erhielt der Gronauer  Stationsvorsteher Müller, sein Sohn Friedrich ist seit dem 23. Oktober vermisst. Er hat im Westen an den schweren Kämpfen teilgenommen.

 Man hofft dass der in französische  Gefangenschaft geraten ist, freilich müssen die Angehörigen auf das Schlimmste gefasst sein.

 

Kohlen sind Mangelware

Es ist schnell und früh Winter geworden und die Kälte hat gleich ordentlich eingesetzt. Das ist schlimm für die die keine Kohle haben.

Es sind  bis jetzt keine Kohlen mehr geliefert worden.Wenn die strenge Kälte weiter anhält, wird es allmählich ungemütlich werden.

 

Schule fällt aus

Die Schule musste schon von Mitte Dezember wegen Kohlemangel geschlossen werden.

Die Kirche hat überhaupt keine Heizung, nur am ersten Festtag Zum Heiligen Abendmahl wurden die letzten Überreste von Kohle vom vergangenen Jahr aufgebraucht.

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Waffenstillstand im Osten

Die allgemeine Stimmung hat sich gehoben. Der Waffenstillstand im Osten und der Beginn der Friedensverhandlungen lässt uns aufatmen und an den baldigen allgemeinen Frieden glauben. So konnte auch das Weihnachtsfest diesmal froher gefeiert  werden als im vergangenen Jahr. 

Das Leben auf dem Lande verlief gegen das Jahresende ruhig. Durch Frost und Schnee war landwirtschaftliche Tätigkeit ausgeschlossen. Eine ständige Sorge ist noch immer, besonders bei den kleinen Leuten, die Kohlenversorgung. Alle Bemühungen sind bis jetzt erfolglos geblieben. Die Schule muß geschlossen bleiben.