Gronau-Hessen-Nassau
Kleine Geschichte(n) - von kleinen Leuten - in einem kleinen Dorf

150 Jahre Pfarrhaus

Pfarrhaus Gronau - Baubeginn vor 150 Jahren

zusammengefasst von Hansfried Münchberg


 

Vor nunmehr 150 Jahren wurde das Gronauer Pfarrhaus, in der Kirchgasse, neu errichtet.

An der etwa gleichen Stelle, wo heute das gerade frisch renovierte Gronauer Pfarrhaus steht, stand bis zum Jahr 1870 das alte, viel zu kleine, Pfarrhaus. Dieses war stark in die Jahre gekommen, wurde seitens der Gemeinde im Unterhalt vernachlässigt  und war baufällig geworden und wurde darum ab Mai 1870 abgerissen.

Daß es dazu kam, sowie der folgende Neubau, ging nicht ohne eine gehörige Portion von Reibungen und Zwistigkeiten zwischen der politischen Gemeinde Gronau und dem damaligen  Gronauer Pfarrer S. Faust vonstatten. Diese schaukelten sich immer weiter auf. Dazu kam Unmut über die der Gemeinde zu teuer erscheinende Besoldung des Pfarrers.

Diese Zwistigkeiten endeten schließlich darin, daß sich der Pfarrer fortsehnte.

Im Zuge der Auseinandersetzung drohten 30 Familien geschlossen aus der Kirche auszutreten, nur 6 Familien standen noch treu zum Pfarrer. 

Pfarrer S. Faust versah die Pfarrei Gronau von 1836 bis zum Jahr 1885 (also immerhin 47 Jahre).

Erbittert über die jahrelange Vorgeschichte bis zur Baugenehmigung und die darauf folgenden Auseinandersetzungen während der Bauzeit und in Folge bis zur endgültigen Fertigstellung nach mehr als vier Jahren  schrieb der damalige Gronauer Pfarrer Faust ein 24 seitiges, eng geschriebenes, Memorandum, welches detailliert die Vorgänge um den Bau schildert.

Er schreibt zu seinen Beweggründen: „Weil nun, bei dieser Bewegung der Pfarr-Haus-Bau wieder in ebenso unliebsamer als ........Weise verhandelt und  ... die alten, auf Unkenntnis erhobenen Beschuldigungen aufs Neue gegen mich aufgeräumt wurden; so habe ich unter dem 30.10.78 eine aktenmäßige Beschreibung zusammengestellt und auch dem Joh. Meisinger, der mit an der Spitze der Bewegung steht, abgegeben um sie den anderen Unterzeichnern mitzuteilen. „

Ein Enkel des Pfarrers, ein Dr. Faust aus Frankfurt übertrug das Schreiben teilweise in Maschinenschrift. 

Pfarrer Faust betitelt das Schriftstück:

 

„Der Neubau des Pfarrhauses zu Gronau, ein lokalgeschichtliches Kultur-Bild aus der letzten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts“ von S.F. Pfr. 1875/76.

Pfarrer Faust schließt seine Ausführungen nach 24 Seiten mit dem fast schon gottergeben - resignierenden Fazit „… viel erhoffe ich mir bei dem habsüchtigen Charakter der Gronauer nicht davon.“ 

Die Vorgänge sind in dieser Schrift sehr detailliert dargestellt. Ich beschränke mich darauf, der besseren Verständlichkeit wegen, dies in stark geraffter Form wiederzugeben. Soweit möglich habe ich des Pfarrers Wortlaut beibehalten. 

Pfarrer Faust beginnt seine Schilderung mit den Worten: „ bevor ich es unternehme, auf den Grund beigefügter Aktenstücke und eigener Erfahrungen eine schriftliche Darlegung des Neubaus des hiesigen Pfarrhauses niederzuschreiben, dürften einige einleitenden Worte wohl am Platze sein.“



Der nun folgende Abschnitt ist mit:  „Die gute alte Zeit bis 1828“ überschrieben. 

Er schildert die damaligen Besitz- und Vermögensverhältnisse, die Abhängigkeit zum Stift Beatae Mariae Virginis zu Lich, die Einkünfte aus den erhobenen Zehntsteuern.

Er schreibt: „Alljährlich kam von Lich der Herr Infant … hierher, erhob die Zehntgelder, ordnete die Erforderlichkeit an, z.B. die nötigen Reparaturen an den Pfarrgebäuden …. Damals hatte es der Pfarrer mit einem gebildeten Mann zu thun, der auch ein Verständnis hatte für die Stellung, die Bedürfnisse der Pfarrer. 

Aber es sollte anders kommen unter der Zeit der

Verwaltung der Zehntgesellschaft vom Jahre 1828 bis 1858.“

Pfarrer Faust schildert: „Durch Vertrag vom 24. März 1828 ging der Lich`sche, sogenannte große und kleine Zehnte an die hiesigen Einwohner über mit allen seinen Lasten, welche bis dahin das Stift der Pfarrei gegenüber zutragen hatte, nämlich Unterhaltung – aber auch Neubau des Pfarrgebäudes, Grundstücke usw. sowie Lieferung von 40 Malter  Korn zu Martini.

Es bildete sich nun die sogenannte Zehnt-Gesellschaft, die aus der Mitte zwei Männer wählte, deren Aufgabe es war, die laufenden Geschäfte, Einnahmen und Ausgaben und dergleichen zu besorgen. An diese hatte sich nun auch der Pfarrer zu wenden in all seinen Pfarrei - Angelegenheiten, die er früher mit dem Herren Infanten auszumachen hatte, unter deren Aufsicht wurden auch die 40 Malter ( 1 nassauischer Malter  entspricht einem heutigen Hektoliter) marktreines Korn alljährlich geliefert.

Der Pfarrer schreibt: „Anfangs ging`s leidlich, theils weil man froh war, den Infanten los zu sein, theils weil mein Vorgänger alles dahin Einschlagende zu genau kannte, teils wohl auch weil sie die Tragweite der übernommenen Pflichten nicht gleich zu übersehen vermochten.

Das darf man nicht übersehen, dass das damalige Geschäft lange nicht so unter dem Vorzeichen der Habsucht, des Eigennutzes usw. stand, als das jetzige, nur dass in jener Zeit die Stellung der Gemeinde dem Pfarrer gegenüber, sowie die Stellung der größeren Masse des Volkes zur Kirche eine andere war als jetzt.

Im Jahr 1835 wurde mein Vorgänger versetzt, 1836 folgte ich, obgleich ich ziemlich genaue Kenntnis von den hiesigen Verhältnissen hatte, -  denn ich war gar oft auf längerer Zeit bei meinem Vorgänger, oftmals zu Besuch gewesen – so musste ich doch oftmals, wie es geht, die Lage des Pfarrers zu erleben, noch Rat und Belehrung  einholen

Die Männer, die bei meinem Amtsantritt an dem Amte der Verwaltung standen, hatten schon unter meinen Vorgängern die Geschäfte besorgt. Sie waren rücksichtsvoll und verständig, ich kam darum auch ganz gut mit ihnen zurecht, ihre Nachfolger nahmen schon eine viel opponierendere Stellung ein, und das verschärfte sich bei jeder bei dem alten baufälligen Hause fälligen Reparaturen, mit immer größeren Summen und das wollte ihnen nicht in die Köpfe.“

Die Zehntgesellschaft löste sich 1858 auf. Ihre Ämter und Pflichten gingen auf die politische Gemeinde Gronau über. 

Pfarrer Faust klagt: „Nunmehr wurde, was man der Pfarrei schuldig war, immer saumseliger erfüllt, die Mittel zu Reparaturen immer wieder billiger und spärlicher bewilligt, selbst die dringendsten Reparaturen wurden nicht immer ausgeführt.

Bald heißt es, das kostet zu viel, bald, eine solche Reparatur ist ja das alte baufällige Haus nicht mehr wert, usw. und so fort. Das Dach des Hauses z.B. war in so schlechtem Zustand, daß bei heftigem Regen innen auf dem Speicher und sogar in meinem Arbeitszimmer Gefäße aufgestellt werden mussten, um den eindringenden Regen aufzufangen.“ 

Im Ablösungsvertrag von 1846 /47 hatte sich der Pfarrer verpflichtet, den Neubau des Hauses, wenn nicht Einsturzgefahr besteht, innerhalb 20 Jahren nicht zu beantragen


 
alteGronau  Karte mit eingezeichnetem Pfarrhof aus dem Jahr 1723, am oberen Rand Mitte ist das Häuschen des Gemeindehirten eingezeichnet


Pfarrer Faust beklagt: „Nicht nur der Bürgermeister und seine Räte hatten hierin zu wachen, sondern oft wurde auch der große Ausschuß noch herangezogen, und wenn dann der Eine oder der Andere – denn an Geizigen und Knickern fehlt es wohl nirgends  in solchen Versammlungen ....  sich dahin auch versah:“ das bringt nichts, das Dach jetzt noch generell zu ersetzen;“ dann unterblieb auch das allernotwendigste an Reparatur des Daches“

Als die bedungene  Frist abgelaufen war 1866 und das  Haus immer seltener unterhalten, darum auch immer baufälliger wurde, einige Dachsparren waren gebrochen, weil verfault, der Hauptgiebel war außen zerbrochen, die Schwellen zum Teil angefault, was  das Siechtum des Hauses zur Folge hatte, die meisten Fenster waren sehr schadhaft usw. stellte der Pfarrer 1867 an die Gemeinde die Forderung;


„Entweder gründliche Reparatur oder Neubau des Hauses“

Da darauf keine Antwort erfolgte und auch Reparaturen nicht vorgenommen wurden, wandte er sich ich  am 21. August 1868 an das  königliche Consistorium zu Hanau mit der Bitte; den königlichen Landbaumeister zu einen Gutachten zu veranlassen. Alsbald kam derselbe, untersuchte das Haus vom Keller bis zum Speicher und gab dann sein Gutachten ab.

Daraufhin erging am 15. September 1868 vom königl. Consistorium die Weisung, daß der königliche Land - Baumeister die Notwendigkeit eines Neubaus ins Auge gefasst habe und darum der Pfarrer in Gemeinschaft mit dem Presbyterium und dem Ortsvorsteher das Nötige vorzubereiten, vornehmlich den Entwurf eines Bau - Risses und Kosten Anschlages zu veranlassen habe.

 Der Pfarrer setzte die Betreffenden davon in Kenntnis und bat um bald gefällige Mitteilung des Ergebnisses.

Das Jahr ging zu Ende; allein er blieb ohne alle Nachricht.

Pfarrer Faust berichtet: „Der in der Gemeinde übliche Schnecken- Gang, besonders wenn Leistungen an die Pfarrei in Frage kamen, veranlasste mich, ans kgl. Consistorium am 18. 5.69 die Bitte zu richten: Erledigung des Entschlusses vom 15. 9. 68  innerhalb 6 bis 8 Wochen mir aufzugeben. Bereits unter dem 20.5.69 ging mir die Verfügung zu: binnen zehn Wochen des Erlasses mit dem Bemerken......: dass, wenn die Gemeinde auch hierbei zögere, einen Entschluss zu fassen, dann die Behörde denselben noch in die Hand nehmen werde, was für die Gemeinde gewiss nicht vorteilhaft sein durfte.“

Das half endlich, nach vielfachen Verhandlungen, zuerst über die Größe, der Pfarrer wollte es 50 Fuß* lang und 30 Fuß* tief, das alte war 42 Fuß lang und 28 Fuß tief, also sehr klein, mit das kleinste und schlechtesten Pfarrhaus dass er jemals gesehen habe, wie er sagt.

„Ich ließ mich aber endlich zu der Größe die es jetzt hat 46 Fuß lang und 28 Fuß tief, des Friedens halber, meine Zustimmung zu geben bewegen und bat am 22.6.69 kgl. Consistorium um Genehmigung, da ich nicht mehr erreichen könnte. Schon an dem 25.6.69 gelangte die erbetene Genehmigung daher.“

(* Maßangabe vermutlich Fuß, entspricht in etwa der Größe des heutigen Pfarrhauses, 13,5 x 9 m)


Der Bau - Riss wird entworfen

Mit Hinzuziehung von Sachverständigen und Meister Zimmermann konnte nun der Bau-Riss für die vom Pfarrer gewünschte Größe entworfen werden, für die vereinbarte Größe umgearbeitet und am 19.8.69 der Behörde vorgelegt. werden. 

Um nicht selbst die Verantwortlichkeit für die Ausführung des Baues übernehmen zu müssen bat Pfarrer Faust das kgl. Consistorium dahin zu wirken, dass der Bau unter der Aufsicht der Baubehörde ausgeführt werde.

Im Dezember 1869 wurde ihm eröffnet, daß der Bau in den neuen Proportionen gehalten werden solle, wie in den alten.

Außerdem könnten die Gemeinden, wenn sie die Kosten zu trägen hatten, die Leitung des Baues übertragen wem sie wollten. Dem Ortsvorstand bliebe also die Wahl des Zuständigen überlassen. 

In der Hand der Gemeinde

Pfarrer Faust stöhnt:

“ Wie erschreckte mich das ! War ich doch nun ganz in der Hand der Gemeinde gegeben. Der Baubrief wird lehren, wie begründet mein Erschrecken gewesen, wie viel Verdruß und Not mir daraus erwachsen ist.“

Gleich nach Empfang dieses Erlasses bat ich am 11.10.69 um Rücksendung des Bauriss, denn nun lag die Haupt- Last und Sorgen auf meinen Schultern. Treiben musste ich nach Kräften, aber leider bisher ohne irgend einen Rückhalt oder …., aber wie hätte ich solche Schwierigkeiten wie  ich sie erleben musste, jemals träumen lassen.?!  

Ende Oktober 69 bekam er dann einen Bauriss vorgelegt, der aber nur wenig seinen Wünschen und Bedürfnissen entsprach. 

Es war beschlossen worden, daß das Haus auf dem Bau-Riss des alten Fundamentes ausgeführt werden soll. Dadurch würde die Treppe ganz vor das Haus verlegt werden.

Es fanden nun wieder Verhandlungen mit der Ortsbehörde statt, worin Verständigung erzielt wurde, bis auf den Keller.

Aus Gesundheits-Rücksichten wollte Pfarrer Faust das neue Haus ganz auf Keller-Räume aufgebaut haben, was auch die Behörde notwendig erklärt hatte. Auch müsste die Grundmauer höher angelegt werden, damit der Eintritt des Wassers in den Keller verhütet werden kann, was im alten Hause oft eine arge Plage war (Die Bach kam wohl damals gerne zu „Besuch“).

Zu den Verhandlungen wurde auch der große Ausschuß hinzugezogen um in der Keller - Frage eine Entscheidung herbei zu führen, da beide Parteien auf ihrer Ansicht beharrten. Die Gemeinde wollte nur, wie beim alten Hause, unter einem Teil Keller bauen lassen. Im Dezember 69 endlich entschied Kgl. Konsistorium , nach dem Gutachten der Bau-Behörde sei es vernünftig unter dem ganzen Hause Keller zu bauen. Diesen Beschluß teilte Pfarrer Faust unverzüglich dem Gronauer Bürgermeister mit und hielt nun  die Angelegenheit für erledigt. 

Konsterniert stellte der Pfarrer fest: „doch wie hatte ich mich geirrt! Als Antwort erhielt ich den Beschluß des Ortsvorstands vom 18.12.69, der auch vom großen Ausschuß unterzeichnet war, und bin aus den Wolken gefallen.“

Was man einige Tage vorher zugesagt hatte sollte nicht mehr gelten.  Einige fragten: „sollen wir die Pfarrei verbessern?“ 

Nach dem Bericht des Pfarrers war es ein sehr ungünstiges Zusammentreffen, dass die beiden einflussreichsten Mitglieder des Ortsvorstandes, zugleich die ….(unleserlich) und geizigsten, also auch seine Hauptgegner in dieser Angelegenheit, auch im Presbyterium saßen. Er hätte also von ihnen nicht die geringste Unterstützung zu hoffen.  Der Bürgermeister, auf den er früher so große Stücke gehalten habe, hat sich nicht bemüht; er war Einer, der bei ihm anders geredet habe als in dem Orts-Rath, der sogar manches, was er dem Pfarrer selbst vorgeschlagen späterhin ableugnete, wodurch viel Verwirrung entstanden ist und  ihm, dem Pfarrer, bitteres Herzeleid. 

Resigniert berichtet Pfarrer Faust: „Über die Sprache dieses Schriftstückes will ich stillschweigend hinweg gehen. Form und Inhalt hätten mich warnen und misstrauisch gegen die glatten Versprechungen machen sollen. Wie viel Verdruß von dem pekuniären (unleserlich)? Nachspiel mir dieses gebracht hat, will ich gar nicht reden. Würde es mir erspart haben, wenn ich bei dem zuerst gefassten Entschluß stehen geblieben wäre - Gründliche Reparatur !“
 

Lieber gar keinen Neubau als DIESEN!

 Am 7.1.70, nachdem er die Sache „reiflich und auch in Ruhe“ erwogen, teilte  der Pfarrer seiner vorgesetzten Behörde „diesen so ungehobelten“ Entschluß der Gemeinde mit und stellte den Antrag:   „Jetzt vom Neubau abzusehen“  So dürfe das Haus nicht gebaut werden, wie die Gemeinde dieses angegeben, und statt des Neubaues gründliche Reparatur zu befehlen.

An demselben Tage setzte er davon die Gemeinde durch eine Schrift an Herrn Bürgermeister in Kenntnis.

Das war nun doch der Gemeinde gar nicht recht, denn eine durchgreifende Reparatur des alten, verfallenen, so kleinen Hauses hätte sehr viel gekostet und wäre doch nur eine Galgenfrist gewesen. 

Bereits vier Tage später kam Bürgermeister Böckel mit zwei Mitgliedern des Orts- und Kirchenvorstandes als Abgeordnete der kirchlichen wie bürgerlichen Gemeinde, um in der Angelegenheit mit dem Pfarrer zu verhandeln.  Dieser erklärte kurz, dass er bei den gesammelten Erfahrungen bei seinem gegebenen Entschluß verharre.

Nach langem Hin- und Herreden baten die Gemeindevertreter wiederholt, von dem Verlangen, das ganze Haus auf Kellerraum zu stellen, abzusehen. Sie versicherten, dass dann das Haus ganz nach des Pfarrers Wünschen erbaut werden solle.

Am 15.1.70 gewährte kgl. Konsistorium diese Bitte der Gemeinde unter der Voraussetzung dass

1.  die Grundmauer die erforderliche Höhe erhalte,

2. zur Trockenlegung der Entschluß geschehe und

3. ihm, dem Pfarrer,  die Einsicht überlassen würde.

Am 20.1.70 teilte Pfarrer Faust diesen Beschluß der Ortsbehörde zur Kenntnisnahme und Neufassung mit.

Am 3.2.70 ging ihm ein „ebenso wunderliches als ungehobeltes“ Akten- Theil der Ortsbehörde zu, besagend: “der Neubau ist genehmigt aber unter folgenden Bedingungen (?): Der Pfarrer soll  unter Zustimmung des Konsistoriums auf eine Entschädigung für das zur Vergrößerung des neuen Hauses erforderliche Land ebenso verzichten wie auf eine Entschädigung für alle Gegenstände, welche durch den Neubau …….. (zerstört) werden müssten. Weiterhin müsse er verzichten auf den Nutzen des Grünland, während der Bauzeit. Es soll das ganze Gärtchen als Bauplatz in Anspruch genommen werden

Ein Jahr Bauzeit bis zur Fertigstellung

Dann, so die Gemeinde, solle das Haus in einem Jahr fertiggestellt werden.

Pfarrer Faust erklärte sich mit dieser Regelung einverstanden, bestand aber darauf, auch während der Bauzeit einen Teil des Pfarrgartens, dort sollte der Bauplatz eingerichtet werden, nutzen zu können und verlangte, daß er für Verlust an Pflanzen sowie Beschädigung  von Bäumen angemessen zu entschädigen sei. Bei der Baumaßnahme wurde der Pfarrgarten keineswegs pfleglich behandelt, Pfarrer Faust berichtet: „Ich habe daraus großen Schaden gehabt durch diese Verwüstung, unerfreuliche Zerstörungen.“

Nun kam ein weiterer strittiger Punkt hinzu. Die Gemeinde hatte für die Zeit des Bauens für den Pfarrer eine Wohnung angemietet, die dieser vorübergehend beziehen sollte. Diese bestand aus einer größeren Stube und zwei Räumen, hatte aber nicht einmal eine Küche. Das war, den Vorstellungen des Pfarrers entsprechend, nicht zumutbar. Erst nachdem sich Pfarrer Faust in dieser Angelegenheit wieder an das kgl. Konsistorium gewandt hatte, lenkte die Gemeinde ein und mietete eine größere Wohnung an. Allerdings sollte der Pfarrer nun monatlich 2 Gulden zur Miete dazuzahlen und sich verpflichten, keinerlei Entschädigungsansprüche für ¾ des Hausgartens zu erheben.

 Der Neubau sollte in einem Jahr hochgezogen sein, jedoch zog sich der Baubeginn immer weiter hin. Auch mehrmaliges Anmahnen seitens des Pfarrers führte so schnell nicht zum Erfolg. Am 18. Mai kam es endlich zum Auszug in die Mietwohnung

 Im Mai (1870) sollte endlich das Haus in Akkord gegeben werden.

Der Neubau beginnt

Der Pfarrer berichtet nun detailliert zum Fortgang der Arbeiten, was hier der Übersichtlichkeit wegen nur sehr verkürzt wiedergegeben werden kann:

Am 8.-9. Juni wird das alte Pfarr-Haus abgebrochen.

Vom 20. – 22. werden die Richtbalken aufgestellt, dann wird der Keller ausgegraben.

Am 30. Juni beginnen endlich die Arbeiten, 20 Mann löschen Kalk. Jetzt wird rüstig gearbeitet bis zum 22. Juli, an welchem Tage die Grundmauer die erforderliche Höhe erreicht hatte.

Erst am 15. August wird die Arbeit mit 3 Mann wieder aufgenommen.

Erst am 17. September war der Dachstuhl aufschlagen.

Am 15.10. wird der Speicher überwölbt, nachdem das Dach fertig gestellt war. 

Die weitere Arbeit wurde nach einiger Zeit unterbrochen und erst am 28.11. wieder aufgenommen.

Dann, am 30.11 wegen einsetzendem  Frost unterbrochen.“ 

Erst im März 1871 wird die Arbeit wieder aufgenommen und der Rest gemacht, auch arbeiten einige Mann äußerlich am Verputz des Hauses. Der Weißbinder beginnt mit dem ersten Tünchen und wird dabei von einem Gesellen und einem Lehrling unterstützt. Das Tünchen wird, weil der Geselle alsbald weg ging, erst am 28.6. beendigt.

Ende Mai wird die Treppe vor dem Haus gelegt. Der Zimmermann schlägt die Treppen im Haus auf.

Die Arbeiten ziehen sich zäh immer weiter hin, so daß erst Ende Oktober 1871 der Neubau bezogen werden kann, auch wenn längst nicht alles fertig ist.

Es bedarf noch zahlreicher Erinnerungen und Reklamationen seitens des Pfarrers, auch im Jahr 1872 wird das Haus noch nicht ganz fertig, 

Er berichtet im weiteren Verlauf über die zahlreichen Mängel und Reklamationen die sich noch über das Jahr 1873 hinziehen : „Erst am 13. Januar 1874 wurde der Pfarr-Haus-Bau, wie ich ihn von Anfang an beabsichtigt, dann auch zu Ende geführt. Des Haderns mit der Gemeinde bin ich so müde, dass das meinen Nachfolger, der vielleicht diese Angelegenheit weiter und glücklich zum Schluß zu führen vermag als ich, vorbehalten bleiben mag.“ 

Die eigentliche Bau – Zeit (22.Juni 1870 bis 13.1.74)

Zu Vorstehendem ist, der leichteren Übersicht wegen, die Entwicklung des Baues nur tabellarisch verzeichnet. Pfarrer Faust schreibt:“  die weiteren Kämpfe, die während dieser Zeit meiner  warteten sollen nun mitgeteilt werden. Aber wo  anfangen ?

Es folgt nun eine Auflistung zahlreicher gegebener und gebrochener Versprechen seitens der Gemeinde,  darunter die Weigerung eine Waschküche und eine Gartenhütte zu bauen.

Verbittert berichtet der Pfarrer:“ Nachdem das Haus im Oktober 70 endlich unter Dach gebracht worden war, da fingen die Umtriebe und Kränkungen erst wohl an, zu Wortbruch aller Art kam noch Lüge und Verleumdung zuhauf.

Die Gemeinde ging nämlich von der Voraussetzung aus, da sie zahle, dürfe sie auch bauen, wie sie es für angemessen halte, da der Riss ziemlich mangelhaft war,  ich es aber für selbstverständlich hielt , dass alle Gute des alten Hauses auch beim neuen beibehalten werde und da sie da sie das Haus etwas größer baute, als das alte war, so glaubten sie, das Menschenmögliche getan zu haben, ich aber musste in ihren Augen  übertriebene Forderungen rechtfertigen; wozu ein so großes Haus werde ich bei Leuten  gefragt, ich habe ja doch nur ein Kind bei mir.-

Daß ich nicht für mich, nicht für kurze Zeit, nicht nach meinen Verhältnissen baue, sondern für die Pfarrei und die Gemeinde und für eine Zeit von vielen, vielen Jahren, in denen auch Pfarrer mit großen Familien darin wohnen würden, das konnte ich den Leuten durchaus nicht begreiflich machen. Für eine große Familie bietet das Haus, namentlich die Koch-Küche nicht ausreichenden Raum.“

 Die Wasch-Küche, obgleich versprochen und in einer Zuschrift an Herrn Bürgermeister als notwendig aufgeführt, war der Gemeinde ganz besonders ein Dorn im Auge.  Die Auseinandersetzungen mit der Gemeinde dazu zogen sich über mehr als zwei Jahre hin. Mehrfach wurde hierbei das kgl. Konsistorium, sowohl zu Hanau als auch zu Kassel angerufen. Jedes mal wurde von dort die Gemeinde angewiesen, die Waschküche unverzüglich zu bauen, was jedoch immer wieder hinausgezögert wurde 

Pfarrer Faust schreibt: „Daß ich`s an den nötigen Mahnungen und Erinnerungen zur Förderung des  Haus-Baues nicht habe fehlen lassen, beweisen die vom 23.3.71 bis 11.9.71 an Herrn Bürgermeister gerichteten Zuschriften.

Außerdem wurden mir von kgl. Landrats-Amt die betr. Akten mit neuen Ausreden vorgelegt zur Äußerung. Meine Antwort 14.4.71 ging mit den Akten zurück. Wie aus einer Antwort erhellt, trat leider auch hier wieder das alte System, abzuleugnen, zu lügen und zu verleumden überall zu Tage.

Unter dem 4.5.71 wurde auf die neuen Einwendungen der Gemeinde vom kgl. Konsistorium verfügt, dass die Waschküche ungesäumt  hergerichtet werden müsste,  ...... geschieht aber wie  einiges andere erst im August, November 1873 durch kgl. Bauinspektor auf Kosten der Gemeinde.“ 

Weil die Arbeiten  verzögert wurden, er immer treiben musste, die Gemeinde auf Weisungen aus Hanau oder Kassel nicht reagierte,, wusste Pfarrer Faust sich schlußendlich nicht anders zu helfen als sich an das königliche Ministerium zu Berlin zu wenden.

Erleichtert schreibt er: „An dem 15.11.71 hat kgl. Minister zu Berlin die von Seiten der Gemeinde bei ihm erhobenen Einwendungen zurückgewiesen; es habe bei den getroffenen Anordnungen sein Bewenden. - Endlich!“

Keinesfalls aber ging der Bau nun nach des Pfarrers Vorstellungen vonstatten, verbittert schreibt er, ich zitiere auszugsweise:

„...beherrscht von Eigennutz und Feindschaft gegen den Inhaber der Pfarrei, ... in trotzigster Niederträchtigkeit,  ...die vielen Seiten an Advokaten für Einspruch-Schriften, was hätte gespart werden können ?  ....wie viel Hader und Feindschaft,

... alles Bitten meiner Seite, alle Weisungen und Befehle von der Behörde ungeachtet blieb“

Was nun folgt ist die Schilderung eines Kleinkrieges um Details wie Fensterläden, Beschaffung von Öfen usw. der von beiden Seiten betrieben wurde.



Erst Mitte 1874 war der Bau soweit, daß man ihn als fertig bezeichnen konnte, allerdings fehlte noch der „Bewurf“, was eine zusätzliche Dämmung werden sollte.

Resigniert schreibt Pfarrer Faust: „ .... will ich aber meinem Nachfolger überlassen, denn ich bin des Haders mit der Gemeinde herzlich satt, und der würde nicht ausbleiben, so dringend diese Forderungen auch sein mögen. Mein Nachfolger mag`s versuchen, vielleicht gelingt`s ihm besser. Damit ist denn nun alles, was mit dem Neubau in Verbindung gestanden, zu Ende geführt und beseitigt worden. Wie sehr war doch die Zeit von Ende 1868 bis Dezember 1876; oft so schwer, daß ich der Last unterliegen zu müssen befürchtete und mehr und mehr meine Freudigkeit in dem Pfarr-Amte untergrub. Worin ich nicht auch mein Alter, seine besonders auch die noch immer mehr abnehmende Sehkraft der Augen verhindert werden, in meinen Verhältnissen mich noch zurecht zu finden; so würde ich mich noch in meinen alten Tagen um eine andere Stelle beworben haben. So aber muß ich hier auf dem vielfach so steinigen und dornenreichen Boden aushalten, bis der Herr über Leben und Tod mich abrufen wird.



Pfarrer Horst Broscheit blickt aus dem Pfarrhaus, Ende 1950er Jahre



Das Kirchenzimmer im Pfarrhaus 1958

Etwa 100 Jahre später - die 1970er Jahre

Etwa 100 Jahre später, Anfang der 1970er Jahre, das Pfarrhaus war stark in die Jahre gekommen, gab es Überlegungen, dieses aufzugeben und ein neues Pfarrhaus in Gronau zu bauen.

Der Pfarrer hatte sich mit seiner Familie anderweitig in der Bismark-Straße eingemietet.

Das Pfarrhaus wurde zwischenzeitlich als eine Sozialstation genutzt, Ausländer, vorübergehend Wohnungssuchende und Gefahrdete wohnten darin, im Keller war ein Jugendclub eingerichtet.

Die Stadt Bad Vilbel wollte das unselige Kapitel der Baulast der politischen Gemeinde am Pfarrhaus durch eine angemessene Ablösung (100 000 DM) auch zu einem seligen Ende führen.

 Bei den Planungen für ein neues Pfarrhaus stellte die Landeskirche ein Darlehen bereit.

Strittig zwischen dem Pfarrer und den Gronauer Kirchenvorstehern war der Standort des geplanten neuen Pfarrhauses.

 Der Pfarrer plädierte für einen Platz, größer als 670 qm , damit die Möglichkeit für einen Auslauf von Kindern und Jugendlichen am Pfarrhaus bestünde, woran es in Gronau mangelt; außerdem hätte er es für sinnvoll gehalten, einen Gemeindesaal mit auf das Grundstück zu setzen.

 Der von der Stadt günstig angebotene eventuelle Bauplatz am Kindergarten (Oktober 1972 eingeweiht) wird von den alteingesessenen Gronauern ehrlicherweise als „Wasserloch“ bezeichnet. Er ist zwar über 800 qm, liegt aber auch arg am Rande Gronaus und die Frage, ob man dort ein gutes und risikofreies Fundament bauen kann, ist kaum endgültig zu entscheiden.

 Die Gronauer Kirchenvorsteher bestehen darauf, daß das Pfarrhaus unbedingt in der Nähe der Kirche stehen muß. Der Pfarrer hofft darauf das noch ein dritter Bauplatz gefunden wird.

 Für das alte Pfarrhaus mit Grundstück werden knapp 150 000 DM geboten.

 Zum Glück, kann man heute, 50 Jahre später sagen, ist aus diesen Plänen nichts geworden!