Die Emporenmalereien in der Kirche.

 

Von Walter Heil

Dieser Beitrag erschien in der Festschrift 1200 Jahre Gronau der "Bad Vilbeler Heimatblätter" 1986.
Herr Walter Heil hat ihn freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Die reformatorische Lehre rückte die Predigt in
den Mittelpunkt des Gottesdienstes. In den oberhessischen Kirchengebäuden machte sich in jener Zeit mit der Zunahme der Christen immer mehr ein Raummangel bemerkbar. Um zu-sätzlichen Platz und Sitzgelegenheiten zu gewinnen, baute man allenthalben in den Kirchen hölzerne Emporen an. Das trifft auch bei dieser Kirche zu. An drei Seiten sind solche Emporen errichtet worden, nur die Südseite blieb frei, damit das volle Licht in den barocken Raum eindringen konnte.
Bis zu unserer Zeit bestand in der Kirche eine besondere Sitzordnung. Am Altarraum war der Platz für die Pfarrfamilie und ein Gitterstuhl für die gnädigen Herrschaften, die Pächter des Gro
nauer Hofes. Außerdem standen hier Stühle für den Orts- und Kirchenvorstand. Für dieVilbeler Lutheraner wurde ein Teil der Bänke im Schiff freigehalten.

Das Presbyterium (Versammlungsraum ohne Chor) war für die Frauen, Mädchen und Schulkinder weiblichen Geschlechts bestimmt (so die Pfarrchronik), während die Knaben auf der Orgelbühne (sie war bis zum Jahr 1968 mit einem separaten Aufgang versehen und noch von der nördlichen Empore getrennt) unter dem gestrengen Blick des Lehrers, der die Orgel spielte, beaufsichtigt waren.
Die Männer und Burschen hatten auf den beiden anderen Emporen ihre Plätze.
Da das Luthertum, etwa im Gegensatz zum Calvinismus, nicht bilderfeindlich war, wurden die Flächen an den Emporen in diesen Kirchen gerne bemalt. DieAusgestaltung der Brüstungs-felder bot sich geradezu dafür an. In den kleinen Dorfkirchen waren volkstümliche Motive figürlicher oder ornamentaler Art willkommen.


Wunderschön bemalte Empore mit Orgel und Kruzifixus       Foto: Münchberg

Ein besonders schönes Beispiel für eine reiche Ausmalung der barocken Emporen bietet hier die Gronauer Kirche. In 38 Kassetten werden die Propheten desAltenTestamentes, die 12 Apostel des NeuenTestamentes und Szenen aus dem Leben Christi dargestellt. Es gibt wenige Kirchen, evangelisch oder katholisch, die diese reiche Folge figürlicher szenischer Barockmalereien aufweisen. Die meisten protestantischen Kirchengemeinden unserer Heimat wurden reformiert, und aller Schmuck fiel dem „Bildersturm" zum Opfer. Die evangelische Kirchengemeinde, so die Pfarrchronik, ist stolz darauf, den lutherischen Charakter treu bis heute erhalten zu haben.
Auf den ersten Blick schon findet man mit den in frischen, bunten Farben hingesetzten Male-reien den inneren Kontakt. Man glaubt ihnen, sie sind echt und ehrlich. DieWirkung verdanken sie aber keineswegs der besonderen Raffinesse und Kunstfertigkeit des Malers. Wir haben es nicht mit dem Werk eines bedeutenden Meisters zu tun, das seinen Platz unter den beachtenswerten Leistungen der Barockmalereien dieser Zeit hätte. Woher kommt dann aberdie Unmittelbarkeit der Wirkung und die überzeugende Glaubwürdigkeit? Sind es nicht die besonderen Kunstmittel, die dazu führen, so kann es nur das starke und ehrliche Erlebnis sein, das den Maler bei der Arbeit beseelt hat. Die Zeit ist reich an Darstellungen dieser biblischenThemen, die mit mehr technischem Können gemalt sind, die aber trotzdem nicht die gleiche Überzeugungskraft ausströmen wie diese Emporenmalereien. Hier hat ein unbekannter Barockmaler aus offenem und frommem Herzen Szenen aus der biblischen Geschichte geschaffen, an die er auch wirklich geglaubt hat.
Wie die Schriftpropheten des A.T. nach dem Umfang und der Bedeutung ihrer Weissagungen eingeteilt sind, so hat unser Maler sie in folgender Reihenfolge dargestellt: Nach Moses, der die beiden Gesetzestafeln mit den zehn Geboten in Händen hält, folgt Aaron, der ältere Bruder Moses und erste jüdische Hohepriester und Stammesvater.
Wir erinnern uns, daß er vor den ägyptischen König Pharao trat und die sieben Plagen ankündigte, um zu erreichen, daß die Israeliten in ihr gelobtes Land Palästina ziehen konnten (Altes Testament, 2. Buch Mose).

  Moses Bruder Aaron

In der BildkassettederEmpore istAaron in der festlichen Kleidung des Hohepriesters darge-stellt. In seiner rechten Hand hält er einen Ölzweig, in seiner linken das Weihrauchfaß.

Nach diesen beiden bedeutendsten Glaubenszeugen und Führern der Israeliten folgen die vier großen Propheten: Jesaia, Jeremia, Daniel und Ezechiel (hebräisch Heschid). Daran schließen sich an der Rückseite und an der nördlichen Empore die 12 kleinen Propheten an:
Osee (hebräischer Name für Hosea), Joel, Amos, Abdias (hebr. Obadia), Jonas, Michäas (hebr. Micha), Nahum, Habakuk, Sophanias (hebr. Zephanja), Aggäus (hebr. Haggai), Zacharias (hebr. Sacharja) und der zwölfte - Malachias (hebr. Maleachi).
Diese alttestamentarischen Propheten, von Gott in außergewöhnlicherweise berufenen und übernatürlich erleuchteten Männer hatten die Aufgabe, den Gottesglauben und die Reinheit der Sitten unter ihren Zeitgenossen wiederherzustellen. Ihre Predigten und Vorauskündigun-gen sprechen stets von Strafgerichten, dann auch wieder von Segen. Hauptziel war letztlich, die Hoffnung auf den kommenden Messias durch immer bestimmtere Prophezeihungen wachzuhalten. Etwa vom 9. bis zum 5. Jahrh. vor Christi begannen diese Propheten ihre Weissagungen schriftlich niederzulegen.
Sie waren so die „Dolmetscher", die Sprecher Gottes.
Daran müssen sich natürlich die Bilder des Neuen Testaments mit dem „Heil der Welt", dem Messias, anschließen. Nach Johannes demTäufer folgt Jesus Christus.

  Jesus Christus

Die kraftvolle Gestalt des Heilandes hat sich erhoben. In seiner Rechten hält er fest die Er-denkugel, die vom Kreuz gezeichnet und überragt wird. Seine Linke hebt er zum Gruß, als wolle er sagen: Ich bin euer Mittler zwischen Himmel und Erde, ich bin euer Gott!
Im weiteren Bilderzyklus folgt der Evangelist Markus, der Überbringer der Frohen Botschaft.


 Der Evangelist Markus
Als Begleiter von Petrus und Paulus schrieb er deren Reden und Predigten nieder und wird seit dem 5. Jahrhundert in der Kunst mit seinem Attribut, dem Löwen, symbolisch gekennzeichnet. Sitzend, umgeben von Büchern und Rollen, schreibt er seine Evangelien. Aussagekräftig ist seine Gestalt. Das Schwungvolle seines Gewandes unterstreicht noch seine Stärke. Vervollkommnet wird alles noch durch die dienende Geste des Löwen.
Die anschließenden Darstellungen zeigen den Evangelisten Lukas (mit dem Sinnbild Stier), dann die Bilder von Christi Begräbnis, Christi Auterstehung und Christi Himmelfahrt. Diese reizvollen Bildtafeln, in den Originalfarben erhalten, besitzen einen hohen lehrhaften Charakter. Sie sind von dem Maler sehr reichlich ausgestattet und in die passende Beziehung zu den christlichen Wahrheiten gesetzt.
Die Altarseite präsentiert die Apostel, die „Gesandten", jene Zwölf, die Christus aus seinen Jüngern zur Fortsetzung seineswerkes erwählte: Petrus (mit der Schlüsselgewalt), Jakobus der Ältere, Johannes, Andreas, Philippus, Thomas, Bartholomäus, Matthäus, Jakobus der Jüngere, Simon (der Eiferer), Judas Thaddäus und Matthias (Ersatz für den Verräter Judas Iskariot nach Christi Himmelfahrt) und als letzter kommt Paulus (er wurde erst später zum Völkerapostel berufen).
Könnte es eine bessere praktische Anschauung über das Heilsgeschehen geben? Diese Bil-derzyklen des Alten und Neuen Testamentes können das Kirchengebäude als Symbol des Leibes Christi darstellen und die Kirche als göttliche Heilsanstalt versinnbildlichen.

Sicher werden diese Bilder seit über 250 Jahren die lebendige Bibel zum Religionsunterricht, zur Christenlehre und zur Predigt für die Jugend wie für die Erwachsenen von Gronau gewesen sein.

An dieser Stelle möge auch ein Wort zur Heiligenverehrung gesagt sein. Die reformatorische Theologie und Praxis lehnt jede Art von Heiligenverehrung als unbiblisch ab. Die in der Ge-schichte oft mißverstandene Verehrung mittels eines Heiligenbildes ist theologisch so zu ver-stehen, daß die Verehrung dem im Bild Dargestellten, nicht aber dem Bild selbst gilt. So hat also die Darstellung der Heiligen, ihrer Symbolik, bis zur Gegenwart ihre Berechtigung.

Nachtrag zum Text von Walter Heil

Die Identität des Malers scheint inzwischen geklärt

Wie einer inzwischen angelegten Internetquelle zu entnehmen ist, wurden die Emporenmalereien offenbar um das Jahr 1720 von dem gebürtigen "Tyroler" Maler Konrad Jäger angelegt.
( vergleiche hierzu: http://www.geocities.ws/konradjaeger/maler.html )

Dem Text ist folgendes Zitat entnommen: " Etwa zur gleichen Zeit entstanden in der Kirche von Bad Vilbel-Gronau 38 Bilder von Konrad Jäger, die sich durch Kirchenrechnungen im Staatsarchiv Marburg (9.11.1720 über 36 und 7.9.1721 über 4 Gulden.) nachweisen lassen. "

Weiter heißt es:
" Die Bilder aus Gronau

Die Bilder sollten den Kirchenbesuchern Informationen über die biblischen Gestalten ver- mitteln. Dazu dienten oft Hinweise auf ihr Martyrium oder Heilstaten. Dass sich Pfarrer und Maler Gedanken gemacht haben, zeigt die Darstellung von Jesaja in Sulzbach mit der Säge als Marterinstrument und der glühenden Kohle in Bad Soden nach der Berufungsgeschichte in Jes.6,6. Zu den Gronauer Bildern seien im Folgenden einige Hinweise nach dem Konstanzer Kleinen Bibellexikon gegeben. Zu der historischen Betrachtung des Alten Testaments sei auf das Buch I. Finkelstein und N. Silberman "Keine Posaune vor Jericho" verwiesen. Zumal bei der Lektüre dieses Buche bewusst wird, wie bedauerlich es ist, dass wir so wenig über das "theologische Anliegen" der Bilder wissen, sowohl bei den Propheten als auch den Aposteln. Offenbar wollte man in der Kirche einfach von den Glaubenszeugen umgeben sein. "